Was ist eigentlich
Dyskalkulie? |
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Es gibt mittlerweile mehrere wissenschaftliche Disziplinen, die
sich mit dem Phänomen einer Dyskalkulie (auch unter den
Begriffen Rechenschwäche oder Arithmasthenie geführt)
beschäftigen. Forschungen werden in den Bereichen
- der Neurologie
- der Neuropsychologie
- der Psychologie
- der Pädagogik (Didaktik)
- der Sonderpädagogik
betrieben.
Je nach Ansatz der einzelnen Disziplinen existieren mittlerweile
unterschiedliche Theorien und Definitionen zum Thema
Rechenschwäche (Dyskalkulie) sowie deren mögliche Ursachen.
Während beispielsweise die Neuropsychologie von einem
Teilleistungsstörungsmodell ausgeht, das bedingt ist durch einen
Ausfall von vielfältig miteinander verknüpfter Basisfunktionen,
hat sich in der Pädagogik und auch in der pädagogischen
Psychologie insbesondere aber in der Mathematik-Didaktik der
Begriff einer Teilleistungsschwäche durchgesetzt (vgl.
Remschmidt, Deutsches Ärzteblatt 88, 1991). Alle Ansätze haben
für sich genommen sicherlich ihre Berechtigung. Zu einer
übergreifenden einheitlichen Theorie sowie Definition des
Phänomens ist es aber bis jetzt noch nicht gekommen.
Auch über die Ursachen einer Rechenschwäche herrscht zur Zeit
weitgehend Unklarheit und Uneinigkeit. So geht LORENZ davon aus,
daß einer Rechenschwäche unter anderem visuelle
Wahrnehmungsstörungen zugrundeliegen könnten. PIAGET und KUTZER
legen in ihren Beiträgen großen Wert auf die Entwicklung
pränumerischer Fertigkeiten in der Vorschulzeit. Nicht
unberücksichtigt muß auch das soziale Gefüge bleiben, in dem
das Kind aufwächst, das ebenfalls eine Rolle bei der Entwicklung
einer Rechenschwäche zu spielen scheint.
ELLROT formuliert seine Definition einer Rechenschwäche analog
zur Legasthenie:
"Dyskalkulie ist die Bezeichnung für Schwächen beim
Erlernen von ZahlenQuantitäten in Zahlen fassen) und Rechnen
(operieren mit Zahlen), die weder auf eine allgemeine
Beeinträchtigung der geistigen Entwicklung, noch auf
unzulänglichen Unterricht zurückgeführt werden können."
Diese Definition einer Rechenschwäche (Dyskalkulie) deckt sich
weitgehend mit der Beschreibung, wie sie die
Weltgesundheitsorganisation (WHO) in der ICD 10 (Internationale
Klassifikation von Krankheiten und Entwicklungsstörungen) unter
dem Punkt F 81.2 beschrieben hat:
"Diese Störung beinhaltet eine umschriebene
Beeinträchtigung von Rechenfertigkeiten, die nicht alleine durch
eine allgemeine Intelligenzminderung oder eine eindeutig
unangemessene Beschulung erklärbar ist."
Beide Definitionen gehen von einer zumindest durchschnittlichen
Intelligenz des Kindes aus. Diese Sichtweise erfährt unseres
Erachtens vollkommen zu Recht Kritik sowohl aus der Schul-
als auch der Therapiepraxis. Dies vor allem aus folgenden
Gründen:
Die Zahl der Autoren, die sich
mit dem Problem der Rechenschwäche beschäftigt haben, hat in de
letzten Jahren zugenommen. So geht LORENZ (1990/91) davon aus,
"daß mindestens 15% eines Schülerjahrganges
Minderleistungen im Rechnen aufweisen, die durch den erteilten
Unterricht nicht aufgefangen werden können."
Demnach also rechenschwach sind! Er führt weiter aus:
"Dabei handelt es sich auf keinen Fall um Schülerinnen
und Schüler, denen man eine Dyskalkulie bescheinigen
könnte."
Also keine Rechenschwäche haben!
Dieser scheinbar offensichtlich auf der Hand liegende Widerspruch
löst sich wiederum in der Schwierigkeit der Definitionsfrage,
was nun eine Rechenschwäche bzw. Dyskalkulie ist, auf.
Angesichts dieser Debatte verfiel man in puncto Dyskalkulie nicht
in die Fehler der damaligen Legastheniediskussion und verlor Zeit
mit umfangreichen, teils ergebnislosen Theoriedebatten und Fragen
zur Terminologie. Daher wurde im deutschsprachigen Raum
"das Definitionsproblem zurückgestellt und hat der
mathematikdidaktischen Frage nach a) den Ursachen der
Rechenschwäche uns b) den Möglichkeiten ihrer Erkennung und
Behebung Platz gemacht. Das heißt, es werden alle Schüler
einbezogen, die einer Förderung jenseits des Standardunterrichts
bedürfen."
(Lorenz 1991)
Womit wir wieder am Anfang aller Überlegungen sind:
"Was ist nun Rechenschwäche? Es gibt bis heute keine
allgemein gültige Definition. Um auch Schülerinnen jenseits des
Standards mit einzubeziehen, soll nicht eine arithmetische
Minderleistung bei mindestens durchschnittlicher Intelligenz,
sondern eine relative Minderleistung auf jeder Intelligenzstufe
angenommen werden.
Also: Wer nicht rechnen kann, ist rechenschwach."
(Learn-line-NRW)
| Eine Lehrerin schreibt uns: |
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| Das Zeugnis des Kindes
zeigt, dass es sich um eine isolierte Schwäche (im
Gegensatz zu kombinierten Störungen schulischer
Fertigkeiten) handelt. Die Zeugnisnote als Indiz für eine vorliegende Rechenschwäche zu nehmen, ist jedoch mit Vorsicht zu begegnen; sie hat allenfalls den Charakter eines Hinweises. Oft kompensieren rechenschwache Kinder ihr Unvermögen mit enormen Gedächtnisleistungen, beherrschen rein schematische Rechenstrategien und gelangen so auch einmal zu einem "befriedigend" |
![]() |
| Im Zeugnis finden sich unter der Rubrik "Hinweise zu Lernbereichen/ Fächern" zahlreiche Symptome (siehe unsere Symptomliste | ![]() |
| Die Mutter des Kindes wendet sich an unser Zentrum. Im Elternfragebogen gibt sie an: | ![]()
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| In vielen Fällen bleibt es bei den Kindern nicht bei der Rechenschwäche, sondern es treten Verhaltensauffälligkeiten mit psychosomatischen Reaktionen hinzu. | ![]() |
| In unserer Diagnostik soll die Schülerin eine Geschichte zu der Aufgabe 4+3 finden und anschließend eine Frage, eine Rechnung und eine Antwort formulieren: | ![]() |
| Zur weiteren Aufklärung wird das Kind in einer Klinik vorgestellt: | ![]() |
| Die Schule wurde nochmals um eine Stellungnahme gebeten: | ![]() |
| Nach fast 2 Jahren Therapie hat es M. fast geschafft. Sie schreibt ihrer Therapeutin: | ![]() |
An einem "einfachen" Beispiel, wie es von Eltern und
Kindern immer wieder geschildert wird, wollen wir einmal
darstellen, mit welchen Schwierigkeiten, Erklärungsnöten und
Ungereimtheiten ein rechenschwaches Kind zu tun hat.
Ein Nachmittag im Leben eines rechenschwachen Kindes
Das Kind (wir nennen es Maren) soll seine Hausaufgaben in Mathe
erledigen. Maren ist im Förderunterricht und bekommt Aufgaben
zum Üben, die normalerweise von Kindern gegen Ende des zweiten
Schuljahres gelöst werden sollen. Die Mutter sitzt wie üblich
daneben und versucht ihrer Tochter so gut es geht zu helfen.
Die erste Aufgabe lautet:
25 + 18 = ?
ein scheinbar nicht allzu schwer bewältigbares Problem.
Maren fängt an zu "rechnen". Da sie über keinen
korrekten Zahlbegriff verfügt, kompensiert sie ihr völliges
Unverständnis durch das Abzählen einer auswendig gelernten
Zahlenreihe. Für Maren stellt sich die Aufgabe folgendermaßen
dar:
"Ich soll von der 25 aus hochzählen (wegen dem plus), und
zwar genau 18 Stück."
Die Aufgabe soll ohne Fingerhilfe gelöst werden, schließlich
ist das Kind ja bereits in der dritten Klasse. Maren erinnert
sich an eine ihrer ersten Regeln, die sie in der ersten Klasse
gelernt hat.
'Da steht zwar, daß ich bei der 25 anfangen soll zu zählen,
aber in Wirklichkeit meinen die (Erwachsenen) bei Plusaufgaben
die 26!'
Eine Regel, die nicht selten bei Erstkläßlern, sehr wohl
logisch durchdacht, zu einer Beschwerde führt: Denn wenn Rechnen
nichts anderes ist, als Auf- bzw. Abwärtszählen, dann gibt mir
die erste Zahl an, wo man anfangen muß zu zählen, das
Rechenzeichen, ob auf- bzw. abwärts gezählt wird, und die
zweite Zahl, wie viel gezählt werden soll. Das hieraus
folgerichtige Ergebnis der Aufgabe
4 + 3 ist dann die 6 (Verzähler um 1, s. o.). Auf den Einwand
der Mutter, daß man hier bei 5 anfangen muß, lautet die
wiederum vom Kind aus gesehene logische Beschwerde: "Warum
schreibt ihr das eigentlich nicht sofort hin? Das find' ich
doof!" Aber wenden wir uns jetzt wieder Maren und ihrer
Mutter zu.
Maren beginnt die Aufgabe zählend zu lösen. Dabei schaut das
Kind scheinbar geistesabwesend aus dem Fenster. Das und die
Tatsache, daß das Mädchen wieder einmal ewig braucht, verleitet
die Mutter zur Mahnung:
"Maren, Du sollst das doch ausrechnen! Nun konzentriere Dich
doch mal!"
Woraufhin sich das Kind fürchterlich beklagt, daß es erstens
beim Rechnen wäre und zweitens nicht gestört werden wolle, weil
es jetzt noch einmal alles neu rechnen müsse.
Marens Widerspruch ist vollkommen zu Recht erfolgt. Sie war
gerade dabei, von der 25 aus hochzuzählen und ist zunächst
einmal beim Zehner-Übergang hängen geblieben. 'Was kommt da
noch mal für eine Zahl nach der 29?' Um dieses Problem zu
lösen, zählt das Kind die 10er-Reihe hoch: '10, 20, 30, - Also
jetzt kommt die 30'. Bei dieser Überlegung ist dem Kind jedoch
entfallen, wie viel es vorher eigentlich schon hochgezählt
hatte, und eine Kontrolle mit den Fingern ist ja nicht gestattet.
'Also muß ich mir die Finger vorstellen!' Rechenschwache Kinder
nennen dieses Kontrollinstrument "Luftfinger", wobei
das Material durchaus wechseln kann, je nachdem, womit in der
Schule gerade gerechnet wird (Zahlenstrahl, Hundertertafel etc.).
Um dieses Bild der Finger vor dem geistigen Auge zu haben (und es
werden ja immerhin 18 Stück!), schaut das Kind aus dem Fenster
in den Himmel, um eine möglichst monochrome Fläche vorzufinden
(manche Kinder schließen auch die Augen oder starren zur Decke).
Maren beginnt also jetzt die Aufgabe erneut zählend zu lösen,
schafft dann auch schneller den Zehnerübergang, und dann kommt
die Mahnung der Mutter! Das Bild der Finger verschwindet, das
Mädchen weiß nicht mehr, bei welcher Zahl es gerade war, und
muß wieder von vorne anfangen; alle Anstrengung und alle
Konzentration waren umsonst, nur weil 'Mama mich nicht rechnen
läßt und mich immer stört'!
Im weiteren Verlauf bemüht sich die Mutter um Geduld, und Maren
versucht erneut, die Aufgabe zu lösen. Diesmal mit Hilfe der
Finger, damit es erstens nicht so schwer ist, zweitens schneller
geht und Mutti dann nicht wieder unterbrechen kann. Dafür
müssen die Finger natürlich unter dem Tisch versteckt werden.
Leider hat Maren hier die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Diese
"Tricks" sind der von ständiger erfolgloser Überei
nervlich angeschlagenen Mutter natürlich wohl bekannt, so daß
auch der dritte Versuch Marens, die Aufgabe zu lösen, mit der
Bemerkung, daß sie es doch bitte ohne Finger versuchen solle,
ein vorzeitiges Ende findet. Inzwischen sind bereits 5 Minuten
vergangen, und noch keine einzige von den 20 Aufgaben wurde
gelöst; und zum Schluß ist da ja auch noch die Textaufgabe, und
die kann Maren überhaupt nicht. Die erste vorsichtige
Hochrechnung der Mutter kommt auf 2 Stunden und das nur für
Mathe! Also muß hier schleunigst eine Hilfestellung gegeben
werden, damit der Nachmittag nicht schon wieder mit Tränen
endet.
"Maren, rechne doch erst einmal 25 + 5!"
Maren ist über dieses Anliegen im höchsten Maße verwundert.
Die Hausaufgabe hieß doch 25 plus 18, und hatte die Mutti nicht
seit geraumer Zeit darauf bestanden, daß sie diese Aufgabe auch
lösen soll?! Maren fragt nach:
"Warum soll ich denn die Aufgabe 25 + 5 rechnen; die ist
doch gar nicht bei den Hausaufgaben?"
Die Antwort der Mutter sorgt bei Maren für völlige Konfusion:
"Weil du erst einmal zum nächsten vollen Zehner rechnen
sollst!"
Sicherlich kennen leidgeprüfte Mütter Fehler ihrer Kinder bei
Sachaufgaben, wo die Antwort nicht zur Frage paßt. Dieses Mal
ist es aber so, daß die Mutter keine Antwort auf die Frage des
Kindes gegeben hat, dies aber trotzdem glaubt. Maren und ihre
Mutter reden also völlig aneinander vorbei.
Maren hat eigentlich eine sehr einfache Frage gestellt. Sie
wollte wissen, warum sie eine Aufgabe, die nicht zu den
Hausaufgaben gehört, eigentlich rechnen soll. Daraus ist
zunächst einmal der Schluß zu ziehen, daß das Kind zwischen
den beiden Aufgaben keinerlei Zusammenhang erkennt. Diesen
Zusammenhang unterstellt die Mutter bei Maren aber als begriffen
und argumentiert dementsprechend weiter mit einer
Rechenstrategie, und diese Antwort hat mit Marens Frage nun
wirklich nichts zu tun.
Die Mutter versucht, Maren eine weitere Hilfestellung zu geben:
"Kannst Du mir denn sagen, welcher volle Zehner das
ist?"
Kann Maren natürlich nicht! Sie weiß, daß ein Wasserglas oder
eine Mülltonne voll sein können, aber eine volle 10, das kann
sie sich beim besten Willen nicht vorstellen! Die Mutter erkennt,
daß das Kind offensichtlich Schwierigkeiten hat, den vollen
Zehner zu benennen. Sie versucht es mit einer
"Erklärung":
"10, 20, 30, 40, 50 usw., das sind alles volle Zehner!"
Maren ist erstaunt! Die 10 ist also gleichzeitig auch 20 und 30
und 40 und 50! Und was soll überhaupt das 'und so weiter'?
Inzwischen sind 10 Minuten vergangen, ohne daß auch nur
ansatzweise eine Lösung der ersten Aufgabe gefunden wurde. Ganz
im Gegenteil merkt die Mutter, daß Maren auch "einfachste
Erklärungen" nicht versteht. Also gibt sie die bisherige
Linie auf und fordert das Kind auf, doch erst einmal 25 + 5 zu
rechnen, nach dem Motto, daß der Rest sich schon ergeben wird
und der Groschen bei dem Kind dann fällt.
Maren sieht zwar überhaupt nicht ein, daß sie eine Aufgabe
rechnen soll, die nicht zu den Hausaufgaben gehört, aber sie
gibt dem Drängen der Mutter schließlich nach.
Maren zählt von 25 aus 5 Zahlen hoch, der Zehnerübergang
gelingt, das Ergebnis lautet 30. Der vorsichtige Blick des
Mädchens in die sich aufhellende Miene der Mutter signalisiert
ihr, daß das Ergebnis paßt. Die Mutter macht Maren Mut:
"Siehst Du, das ist doch viel einfacher!"
Nun, das ist Maren auch nicht entgangen: '25 + 5 ist natürlich
einfacher als 25 + 18', denkt sich Maren noch, als die nächste
Frage der Mutter folgt:
"Was mußt du denn nun rechnen?"
Maren denkt an ihre Hausaufgaben und folgerichtig lautet die
Antwort:
"25 + 18", wobei Maren erwartungsvoll die Mutter
anschaut.
Die ist mit ihrer Antwort aber überhaupt nicht zufrieden; ganz
im Gegenteil:
"Aber Maren! Hast du überhaupt einmal genau hingeschaut,
was wir gerechnet haben?"
Maren blickt in ihr Heft. Dort steht:
25 + 18 =
25 + 5 = 30
und antwortet der Mutter:
"25 + 5 = 30"
"Richtig", meint die Mutter und fährt fort: "Also
(?!?) müssen wir jetzt mit der 30 weiterrechnen!"
Das Mädchen gibt es auf, dem Gedanken der Mutter zu folgen.
'Mama hat also gesagt, daß jetzt mit der 30 weitergerechnet
werden soll', und weil es schließlich eine Addition ist,
probiert es Maren mit der Antwort:
"Plus 30!"
Der barscher werdende Ton der Mutter, deren Geduld sich langsam
dem Ende neigt, führt bei Maren zu den ersten Tränen:
"Maren, du denkst ja gar nicht nach! Du rätst ja nur!"
Ersteres Urteil entbehrt jeder Grundlage, während das zweite
durchaus seine Berechtigung hat, wobei es aber eben nicht ein
wildes Raten ist, sondern durchaus zielgerichtet auf die
"Erklärungen" der Mutter abgestimmt ist.
Um die Situation nicht weiter eskalieren zu lassen, sagt die
Mutter den nächsten Rechenschritt vor:
"Schreib' doch jetzt einmal die nächste Aufgabe hin! 30 +
3! Was kommt da denn raus?"
Maren tut, was ihr die Mutter gesagt hat und rechnet auch das
richtige Ergebnis (33) aus, auch wenn es nicht die Hausaufgaben
sind. Das Lob der Mutter bestätigt sie in ihrer Strategie, nicht
noch einmal nachzufragen, weil die Mutter dann wieder schimpft.
"Prima Maren, das hast du richtig gemacht!"
Die Mutter bezweifelt jedoch (zu Recht), daß Maren den Rechenweg
verstanden hat, und faßt noch einmal zusammen:
"Wir haben doch jetzt 8 - 5 gerechnet und das ist 3; und
weil wir schon bei 30 angekommen sind, müssen wir jetzt 30 + 3
rechnen, weil das der Rest von der 8 ist, die wir ja plus rechnen
müssen; so geht das viel schneller!"
Maren ist einigermaßen fassungslos. 'Das mit dem viel schneller
kann die Mutti ja wohl nicht ernsthaft meinen. Dürfte ich mit
den Fingern rechnen und müßte ich nicht laufend zusätzliche
Aufgaben lösen, ich wäre mit den Hausaufgaben schon viel
weiter. Aber noch viel rätselhafter ist, warum wir (?!?) die
Aufgabe
8 - 5 = 3 gerechnet haben sollen; die steht nirgendwo im Heft,
und von wir kann nun wirklich nicht die Rede sein, bestenfalls
Mutti hat das gerechnet. Eine Minus-Aufgabe, obwohl doch plus
gerechnet werden soll! Schimpft Mutti nicht immer, wenn ich statt
minus plus rechne?! Und jetzt macht sie es selber. Und das mit
dem Rest ist auch so komisch. Den gibt es doch nur bei
Geteilt-Aufgaben!'
Maren beschließt, aufgrund der vielen Ungereimtheiten
nachzufragen:
"Warum soll ich das denn alles rechnen?"
Die Antwort der Mutter sorgt für neue Tränen:
"Weil das so doch alles ganz einfach ist, findest du
nicht?!"
Nein, das findet Maren wirklich überhaupt nicht. 'Und dann ist
da schon wieder der Satz, daß immer alles ganz einfach ist',
denkt sich Maren. Den hat sie schon tausendmal gehört. 'Das sagt
auch immer die Lehrerin und auch die anderen Kinder; selbst der
Thomas, und der ist doch sonst viel schlechter in der Schule als
ich. Und alle sagen immer, ich soll fleißig üben, dann wird es
schon besser. Das hilft bei mir nicht, weil ich einfach zu dumm
bin; das hat auch schon mal der Papa gesagt. Aber vielleicht bin
ich ja auch wirklich krank im Kopf; schließlich war die Mutti
mit mir deswegen schon beim Arzt und auch im Krankenhaus, und in
der Schule haben sie auch schon einen Test gemacht.'
Der Mutter gelingt es schließlich, das Mädchen zu beruhigen.
Als Maren sich gefangen hat, macht die Mutter den Vorschlag,
einfach ins Heft zu schreiben, daß sie (Maren) die Hausaufgaben
nicht verstanden hätte, damit die Lehrerin ihr noch mal alles
erklären könne. Aber ohne Hausaufgaben will Maren auf keinen
Fall in die Schule gehen, denn:
"Dann sehen alle wieder, daß ich zu doof bin!"
Die Mutter dementiert energisch und macht ihrer Tochter Mut. Das
hat Maren auch schon tausendmal gehört, und ein Blick des
Mädchens auf das immer noch so gut wie weiße Blatt ihres
Haushefts spricht ja wohl Bände.
Nach 20 Minuten fällt die Bilanz in der Tat ziemlich verheerend
aus. Im Heft steht:
25 + 18 =
25 + 5 = 30
30 + 3 = 33
Maren ist, was die mathematischen "Erklärungen"
angeht, vollends verwirrt, ihr Selbstwertgefühl hat einmal
wieder den absoluten Nullpunkt erreicht, und die Verabredung mit
ihrer Freundin kann sie sowieso vergessen. So ist das fast immer,
wenn Mathe-Hausaufgaben anstehen. Die Mutter ist mit ihren Nerven
am Ende; sie weiß sich nicht mehr zu helfen, meint, daß man
"einfacher" nun doch wirklich nicht
"erklären" könne. Das mit der "ausgerutschten
Hand" ist ihr zwar bis jetzt noch nicht passiert, aber
irgendwie muß es doch an dem mangelnden Willen ihrer Tochter
liegen. Schließlich hat man doch alles getan! 1 Jahr Nachhilfe,
Erfolg gleich Null; das EEG war ohne Befund, und auch die
Lehrerin meinte, daß Maren kein Kind für die Sonderschule sei.
Sie versucht es weiter mit der "Erklärung" des
nächsten Rechenschritts.
"So, Maren. Wir haben jetzt die 8 plus gerechnet. Die ist
also (?!?) schon mal weg (???). Jetzt ist da noch die 1. Was
mußt du denn jetzt noch rechnen?" (Die Mutter deutet auf
die Zehnerstelle der Zahl 18.)
Maren denkt angestrengt nach:
"Mutti hat gesagt, daß wir die 8 plus gerechnet haben und
wir sie deshalb minus gerechnet haben, weil sie ja schon weg ist.
Jetzt soll ich was mit der 1 machen, und davor steht ein +!
"Plus 1!", lautet Marens Antwort.
Die Mutter hätte auch auf jede andere Zahl deuten können, Maren
hätte sie sofort als die zu addierende Zahl benannt.
Die Mutter nimmt die Antwort wohlwollend auf und fragt weiter
nach:
"Fast richtig, Maren. Aber schau mal, die 1 steht vor der 8,
die ja schon fertig plus gerechnet ist. Deswegen (???) ist die 1
ein ..."
'Zehner' wollte Marens Mutter hören. Das rettende Wort bleibt
natürlich aus, weil das Mädchen das dekadische Positionssystem
auch in Ansätzen nicht verstanden hat.
Eine weitere "Hilfestellung" der Mutter folgt:
"Also, wenn die 8 schon weg ist, dann bleibt bei den Einern
eine Null, und dann steht da die Zahl 10." Maren weiß zwar
nicht, was ihre Mutter da erklärt hat, aber sie probiert es mal
mit der Zahl 10 aus:
"Plus 10!"
"Richtig", kommt die erlösende Antwort der Mutter. Das
aber immer noch ratlose Gesicht ihrer Tochter läßt sie zu dem
Schluß kommen, den nächsten Rechenschritt zu diktieren:
"Wir schreiben also (?!?) jetzt auf 33 + 10 = und rechnen
das jetzt aus!"
Aufgabe Nr. 3 steht jetzt im Heft, die nichts mit den
Hausaufgaben zu tun hat. Maren zählt aufwärts, stockt wieder
beim Zehnerübergang und gelangt schließlich doch zur Zahl 43.
Im Heft steht jetzt:
25 + 18 =
25 + 5 = 30
30 + 3 = 33
33 + 10 = 43
Die Mutter ist erleichtert. Endlich ist die erste Aufgabe fertig!
Da hat sich die Mutter allerdings gründlich geirrt. Und auch die
Annahme, daß die restlichen Aufgaben jetzt schneller
durchgerechnet werden, wird sich nicht bewahrheiten. Die Mutter
stellt die nächste Frage:
"Was kommt denn jetzt bei 25 plus 18 als Ergebnis
raus?"
Maren schaut aus dem Fenster und beginnt zu "rechnen".
Die Mutter ist fassungslos:
"Aber Maren, das haben wir doch gerade ausgerechnet!"
Das Mädchen schaut in sein Heft. Drei Aufgaben sind bisher
gerechnet worden: Aber die Aufgabe 25 + 18 ist noch nicht dabei.
Maren weiß nicht, was sie sagen soll, da folgt bereits der
nächste Hinweis der Mutter:
"Maren, schau doch mal hin! Das Ergebnis steht doch schon
da!"
Maren schaut sich die Aufgabe 25 + 18 noch einmal genau an.
"Aber da steht doch noch kein Ergebnis!" protestiert
das Mädchen.
Der Protest von Maren fällt jedoch nicht auf fruchtbaren Boden:
"Du schaust ja auch auf die ganz falsche Aufgabe! Da unten
steht doch, daß 33 + 10 = 43 ist. Also (?!?) ist das Ergebnis
43!"
Das findet Maren allerdings überhaupt nicht einleuchtend.
'Wenn ich das Ergebnis der Aufgabe 25 + 18 wissen will, muß man
auf die Aufgabe 33 + 10 schauen. Das würde ja bedeuten, daß ich
33 + 10 rechnen muß, um herauszubekommen, welches Ergebnis bei
25 + 18 das richtige ist. Aber woran erkenne ich überhaupt, daß
man bei 25 + 18 die Aufgabe 33 + 10 rechnen muß; da ist ja
überhaupt keine Zahl gleich? Und welche Aufgabe muß ich bei der
nächsten Rechnung nehmen?'
Die Mutter verläßt die bisherige Erklärungsschiene und
versucht es mit einem Rechenschema:
"Wir können die Aufgabe auch so rechnen. Zuerst rechnest du
die Zehner zusammen und dann die Einer."
Da die Mutter weiß, daß Maren ständig Zehner und Einer einer
Zahl verwechselt, schiebt sie den nächsten "Tip"
gleich nach:
"Also mußt du von den Zahlen 25 und 18 die 2 und die 1 und
die 5 und die 8 zusammenrechnen, weil (?!?) du ja keine Äpfel
und Birnen zusammenrechnen kannst!"
Was Äpfel und Birnen mit Zehnern und Einern zu tun haben,
versteht Maren nicht. Den Trick mit den Zehnern und Einern hat
Maren allerdings schon öfters gehört. Sie befolgt den Tip der
Mutter und schreibt nach einer Weile das Ergebnis hin:
25 + 18 = 313
Mit diesem Ergebnis reißt nun endgültig der Geduldsfaden der
Mutter.
"Hast du denn nicht hingehört, was du rechnen sollst? Das
sieht man doch sofort, daß das falsch ist. 20 + 10 ist doch nur
30, und du bekommst über 300 raus!"
Das Mädchen bricht erneut in Tränen aus. Schließlich hat es
doch genau hingehört und auch das gerechnet, was die Mutter
gesagt hat: 2+1=3 und 5+8=13, und das Ergebnis hat sie auch
hingeschrieben. Und überhaupt, die Aufgabe 20 + 10 steht
nirgends im Heft. Wie kann man denn dann sehen, daß das falsch
ist?
Nach einer Weile hat die Mutter sich wieder beruhigt. Um dem
Drama ein Ende zu bereiten, entschließt sich die Mutter zur
letzten Lösungsstrategie: vorsagen! Geschlagene 2 Stunden
später sind die Mathe-Hausaufgaben fertig (wie Maren und ihre
Mutter auch) - wäre da nicht noch die Textaufgabe. Aber das
schafft die Mutter nicht mehr; erstens hat sie auch noch andere
Dinge zu tun, und zweitens ist sie mit ihrem Latein völlig am
Ende. Da muß halt der Papa ran!
Maren zeigt ihrem Vater die Aufgabe.
Sie lautet:
Herr Meier fährt in den Supermarkt und kauft 3 Kisten
Mineralwasser. In jeder Kiste sind 12 Flaschen.
Der Vater macht Maren Mut:
"Versuch' es doch einmal alleine. Das ist gar nicht so
schwer. Wenn du fertig bist, zeigst du mir dein Ergebnis."
Maren rechnet die Sachaufgabe aus und präsentiert dem Vater ihre
Lösung. Der Kommentar des Vaters sorgt erneut für Tränen:
"Jetzt gehst du morgen in die Schule und sagst deiner
Lehrerin, daß du zum Rechnen einfach zu dumm bist!"
In Marens Heft steht:
Frage:
Wie viel muß Herr Meier insgesamt bezahlen?
Rechnung:
12 + 3 = 15
Antwort:
Es kostet zusammen 15 DM.
Zumindest hat die Quälerei für Maren heute ein Ende. Seit nun 3
Jahren geht das so fast jeden Nachmittag, und zuguterletzt
streiten sich darüber dann auch noch der Vater und die Mutter.
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